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Kapitel 4

L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr

Autoren der Kapitel

JEFFREY S. KINGSTON

Autoren der Kapitel

JEFFREY S. KINGSTON
L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr
L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr
Ausgabe 12 Kapitel 4

WER WEISS SCHON, DASS DER SCHLEPPZEIGERCHRONOGRAPH EINE GANZ GROSSE UHRMACHERISCHE KOMPLIKATION IST?

Wenn Sie das Rock’n’Roll-Geschehen auch nur ein bisschen verfolgen, dürfte sich dieser Song der berühmten Soul-Diva Aretha Franklin über die Bedeutung des Respekts in Ihr Gehirn gebrannt haben … bis hin zum abschließenden „Gib’s mir!“ („sock it to me“). Die Sängerin sollte engagiert werden, um ihr Lied in voller Lautstärke einem Fachkongress von Uhrenfabrikanten einzutrichtern, damit sie all ihren Uhrmacher-Kollegen, die Schleppzeigerchronographen bauen, endlich etwas Liebe und Achtung schenken. Denn obwohl diese Spezialisten eine der anspruchsvollsten Komplikationen konstruieren, die unglaublich schwierig zu justieren ist, scheinen ihre Kunst und Handfertigkeit in der Gesamtheit aller uhrmacherischen Komplikationen irgendwie unterzugehen. Es fehlt einfach an Respekt für ihre Arbeit.

Da wir hier kein Blatt vor den Mund nehmen, wollen wir doch mal die Dinge richtigstellen. Die Verwirklichung eines Schlepp- oder Einholzeigerchronographen (die letztere Be - zeich nung, obwohl weniger üblich, entspricht dem Chronographe à rattrapante der französischen Uhrmachersprache besser) der Haute Horlogerie sitzt im Zenit der traditionellen, großen Komplikationen der Uhrmacherkunst. Ihre Schwierigkeiten und Herausforderungen übertreffen jene von ewigen Kalendern oder Tourbillons bei weitem, obwohl diese an den Uhrenmessen meist deutlich mehr Oh! und Ah! auslösen.

Hier kommt der neuste Schleppzeigerchronograph von Blancpain ins Bild, der L-evolution R. Was begründet den Anspruch dieses Modells, und übrigens auch aller früheren Blancpain-Zeitmesser mit dieser Komplikation, auf den luftigen Sitz im Uhrmacherpantheon? Das beginnt zunächst mit den Herausforderungen, einen hochpräzisen Chronographen- oder Stoppuhrmechanismus zu konstruieren. Der Laie weiß weniger gut als der Uhrmacher, dass auch schon der Bau einer einfachen Stoppuhr ohne Einholzeiger reichlich mit Schwierigkeiten befrachtet ist. Der Grund dafür ist, dass der Chronographenmechanismus dem empfindlichen Uhrwerk durch das unvermittelte Kuppeln und Auskuppeln beim Starten und Stoppen für Zeitmessungen abrupte dynamische Wechsel zumutet. Auf den ersten Blick mag dies trotzdem einfach erscheinen. Beim Starten der Zeitmessung wird der Stoppuhrmechanismus für den Antrieb des Sekunden- und der übrigen Zählerzeiger mit dem Räderwerk der Uhr verbunden, und zwar meist mit dem Sekundenrad. Das Betätigen des Stoppdrückers kuppelt ihn wieder aus, so dass die Zählerzeiger stehenbleiben. Das unerhört Schwierige daran ist, dieses Starten und Stoppen (sowie natürlich als dritte Funktion das Nullrückstellen, auch Nullen oder Reset genannt) so zu bewerkstelligen, dass die nachstehenden Anforderungen erfüllt sind: 1. Die Ganggenauigkeit der Uhr – oder anders gesagt die Amplitude der UnruhHalbschwingungen – darf nicht beeinträchtigt werden. 2. Der Chronographenzeiger muss ausnahmslos jedes Mal reibungslos und ohne jedes Ruckeln starten und stoppen. 3. Das Betätigen der Chronographendrücker soll sich seidenglatt anfühlen. 4. Die Stoppuhrfunktion muss, wenn vom Träger gewünscht, permanent in Betrieb sein können. 5. Das Nullrückstellen der Chronographensekunde und der übrigen Zählerzeiger soll vollkommen synchron erfolgen.

Zu den wenigen mechanischen Hochleistungsinstrumenten, die dies alles bieten, gehört das Blancpain-Chrono graphenkaliber 1185 mit Säulenrad und vertikaler Kupplung. Kenner, die persönlich Stoppuhren aus dem gesamten Preisspektrum von den teuersten bis zu den günstigsten Modellen testeten, machten folgende Erfahrungen: Es gibt Modelle renommierter Marken, bei denen der Sekundenzeiger beim Starten oder Stoppen gelegentlich ruckelt und die Präzision der Uhrzeit unter der Chronographenfunktion leidet, während letztere bei anderen Versionen nicht permanent eingeschaltet sein darf. Bei günstigen Modellen wiederum – und manchmal auch bei teuren Uhren, die mit Billigwerken ausgerüstet sind, was an Konsumentenbetrug grenzt – „harzen“ die Drücker, und die Genauigkeit der Zeitanzeige wird ebenfalls beeinträchtigt.

L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr
L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr

DIE EINHOLZEIGERFUNKTION ERFORDERT UND VERDIENT EINEN LEISTUNGSFÄHIGEN STOPPUHRMECHANISMUS.

Der Schleppzeigerchronograph als große Komplikation verdient jedoch einen Mechanismus, der all diese Anforderungen kompromisslos erfüllt.

So schwierig es also bereits ist, die Basisfunktionen des Chronographen zu perfektionieren, der Schwierigkeitsgrad der zusätzlichen Einholzeigerfunktion ist exponentiell höher. Ihre Beschreibung lässt nur erahnen, wie gewaltig dieser Schritt ist. Statt eines gibt es hier zwei übereinanderliegende StoppuhrSekundenzeiger, die sich im Ruhezustand oder bei einer einfachen Zeitmessung so genau decken müssen, dass sie wie ein einziger aussehen. Wird eine Zwischenzeit gestoppt, bleibt der obere, der Schleppzeiger, stehen, während der untere sich weiterdreht, bis er ebenfalls angehalten wird. Dies ermöglicht selbstverständlich die Messung zweier verschiedener Ereignisse. Betätigt man nach einer Zwischenzeitmessung den Schleppzeigerdrücker erneut, flitzt diese „Einholsekunde“ augen blicklich in ihre deckungsgleiche Position über dem Chrono graphenzeiger. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich dieser noch für eine laufende Zeitmessung dreht oder bereits gestoppt wurde.

Zwei grundlegende Vorrichtungen bilden den Kern bei der Verwirklichung der Schleppzeigerfunktion. Mit der ersten werden die beiden Sekundenzeiger zentriert, die zweite ist eine Bremse, um den Schleppzeiger (rattrapante) zu stoppen, während der Chronographenzeiger (trotteuse) seinen Lauf ums Zifferblatt fortsetzt.

Zentrieren der Zeiger. Für das absolut deckungsgleiche Zentrieren der Zeiger wird eine Komponente verwendet, die während zweihundert Jahren ein Standbein praktisch aller Chronographenkonstruktionen bildete: der Herznocken. Seine Bauweise ist kein Geheimnis: Es handelt sich um eine Nockenscheibe, deren Form nicht weit von der üblichen Darstellung des Herzens (ob in einer Kinderzeichnung oder auf einer Spielkarte) entfernt ist. Ihre genauen Einzelheiten werden selbstverständlich logarithmisch berechnet, damit der Nocken seine Funktion optimal erfüllt. Lässt man ihn unter einem gegen seinen Umfang drückenden Arm oder Hebel rotieren, wird er immer genau dann anhalten, wenn dieser Arm in der „Ausschnittspitze des Busens“ angelangt ist. Bei einer traditionellen Chronographenkonstruktion werden Herznocken für das Nullrückstellen des Chronographen-Sekundenzeigers und sämtlicher Zählerzeiger eingesetzt. Wird der Reset-Drücker betätigt, drehen sich die Nocken unter ihrem Hammer und stellen die Zeiger augenblicklich präzise auf null. Im Fall des BlancpainKalibers 1185 sorgt ein einziger Arm mit zwei Hämmern für die Arretierung des Sekundenzeiger- und des Minutenzählernockens, die so gleichzeitig genullt werden.

ZWEI SÄULENRÄDER STEUERN DIE STOPPUHRFUNKTIONEN DER L-EVOLUTION R.

Die Nockenfunktion für das Nullen wird beim Schleppzeigerchronographen auch genutzt, um die beiden Sekundenzeiger deckungsgleich zusammenzuführen. Die Welle des Einholzeigers ist mit einem Herznocken versehen. Wird Druck darauf ausgeübt, aliniert sich der Einholzeiger augenblicklich mit dem Chronographenzeiger. In der Blancpain-Konstruktion ist der drückende Arm oder Hammer an der Spitze mit einer kleinen Rubinrolle versehen. Da dieser Arm an der Welle des Chronographenzeigers befestigt ist und sich mit ihr dreht, wird der Einholzeiger immer auf dessen Position zentriert. Wurden die beiden Zeiger durch Stoppen des Schleppzeigers für eine Zwischenzeitmessung getrennt und wird danach sein Drücker erneut betätigt, führt die Rubinrolle den Zeiger via Herznocken augenblicklich deckungsgleich über die Chronographensekunde.

Die Bremse. Das Prinzip der Bremse ist einfach, die Umsetzung jedoch schwierig. An der Achse des Schleppzeigers ist ein Rad befestigt. Wenn der Benutzer den Zeiger für eine Zwischenzeit stoppt (während der andere sich weiterdreht und die Sekunden zählt), drücken zwei zangenartige Arme beidseitig auf das Rad und fixieren es. Falls mechanische Konstruktionen zu Ihren Nebenbeschäftigungen gehören, wird sich Ihnen angesichts dieser brachialen Methode, den Schleppzeiger zu stoppen, sofort die Frage aufdrängen, was denn mit dem rollenbestückten Arm geschieht, der den Herznocken steuert. Wird da nicht ein abnormer Widerstand entstehen, wenn der Nocken gezwungen wird, sich aus der Position mit Rolle im Ausschnitt wegzudrehen? Das ist eine gute Frage. Schauen wir uns das Problem näher an.

Bei den meisten Schleppzeigerkonstruktionen gibt man sich einfach mit diesem zusätzlichen Widerstand zufrieden und lässt den Herznocken gegen den angewandten Druck rotieren. Dies hat jedoch eine negative Auswirkung auf die Ganggenauigkeit der Uhr, indem die Amplitude der Unruhreif-Halbschwingungen verringert wird. Um dem entgegenzuwirken, hat Blancpain als erster Hersteller einen in den Mechanismus integrierten Isolator entwickelt. Wird der Schleppzeiger für eine Zwischenzeitmessung mit der Zange gestoppt, zieht sich der Arm mit der Rolle aus dem Ausschnitt zurück und gibt den Nocken frei, so dass keinerlei zusätzlicher Widerstand entsteht. Diese Neuerung von Blancpain ist inzwischen auch von anderen Herstellern kopiert worden, darunter einer berühmten Genfer Marke, die denn auch freimütig einräumte, sich an der Blancpain-Konstruktion orientiert zu haben!

Eine andere Komponente des Schleppzeigermechanismus verdient ebenfalls Aufmerksamkeit: das Säulenrad. In edlen Chronographen steuert eine solche Vorrichtung das Starten, Stoppen und Nullen. Stoppuhren ohne Säulenrad können keinen Anspruch auf Spitzenqualität erheben, denn nur dieses System garantiert eine präzise Abfolge der Funktionen und das seidenweiche Gefühl beim Betätigen der Drücker. Das gilt auch für die Schleppzeigerfunktion: Der Einsatz eines Säulenrads für die Steuerung des Trennens und Wiedervereinigens der beiden Sekundenzeiger ist hier genauso unabdingbar für Genauigkeit und Bedienungskomfort. Deshalb enthält dieses BlancpainSchleppzeigerwerk gleich zwei Säulenräder.

Das Uhrwerk der L-evolution R bietet zudem die ebenso raffinierte wie praktische Flyback-Funktion. Sie geht auf die Zeit zurück, als Piloten und Navigatoren ihren Standort mit ZeitDistanz-Berechnungen bestimmen mussten. Bevor die modernen GPS-Systeme den Fliegern die Aufgabe abnahmen, mit Verstand zu fliegen (man nehme einem alten Fluginstruktor die bewusst überspitzte Formulierung nicht übel), musste die Flugzeit von einem Wegpunkt zum anderen berechnet werden. Dazu musste man beim Passieren eines Wegpunkts eine Stoppuhr starten, beim Erreichen des nächsten die Zeit stoppen, die Anzeige auf null stellen und eine neue Zeitmessung bis zum nun folgenden Punkt starten. Damit waren bei jedem Wegpunkt unterwegs drei Chronographenoperationen notwendig: mit dem Start-Stopp-Drücker die Zwischenzeit stoppen, mit dem Reset-Drücker auf null zurückstellen und mit dem Start-Stopp-Drücker erneut eine Messung starten. Die FlybackFunktion vereinfacht dies beträchtlich. Hat der Pilot am Wegpunkt die Zeit erfasst, kann er mit einem einmaligen Betätigen des Reset-Drückers die Messung stoppen, die Zeiger nullen und den Chronographen augenblicklich erneut starten. Deshalb setzte sich die Flyback-Funktion nach ihrer Einführung in die Stoppuhrherstellung in der Aviatik sehr schnell durch und wurde jetzt auch in den Chronographen L-evolution R integriert.

Eine zusätzliche wichtige und nützliche Komplikation bildet im Modell L-evolution R das bewährte Großdatummodul von Blancpain, intern bekannt als Kaliber 69. Es unterscheidet sich von den meisten Datumsanzeigen insofern, als der Datumswechsel um Mitternacht innerhalb von ein bis zwei Minuten stattfindet. Außerdem lässt sich das Datum bequem und schnell über die Krone verstellen statt über einen Korrekturdrücker an der Gehäuseflanke.

Schleppzeigermechanismus mit deckungsgleich drehenden Zeigern. Die Rolle wird in den Ausschnitt des Herznockens gepresst und hält die Zeiger zusammen.

Schleppzeigermechanismus mit deckungsgleich drehenden Zeigern. Die Rolle wird in den Ausschnitt des Herznockens gepresst und hält die Zeiger zusammen.

Mechanismus mit getrennten Zeigern. Der Isolator hat die Rolle vom Herznocken getrennt, und die Bremszange umklammert das Rad des Schleppzeigers.

Mechanismus mit getrennten Zeigern. Der Isolator hat die Rolle vom Herznocken getrennt, und die Bremszange umklammert das Rad des Schleppzeigers.

DAS GEHÄUSE DER L-EVOLUTION R VERBINDET KOHLENFASER-KOMPONENTEN MIT TEILEN AUS GOLD.

Angesichts des hohen Niveaus der Uhrwerkkonstruktion beschloss Blancpain, dies auch durch einen neuen Dekorstil auf den Brücken zu verdeutlichen. Statt des üblichen Schmucks mit Côtes de Genève und Perlieren kreierte Blancpain einen neuen Look durch die Kombination mit zwei weiteren klassischen Dekormotiven: Champlevé (Ausstechen) und Grenage (Körnen). Die Brücken werden zuerst reliefiert, indem man im Zentrum Material aussticht und einen erhöhten Rand stehen lässt. Dies ist der erste Schritt einer Verzierung mit klassischem Champlevé- oder Zellenschmelzemail. Statt jedoch die vertieften Flächen mit Email oder einem anderen Werkstoff zu füllen, nutzte Blancpain die traditionelle Technik des Körnens, um eine gussähnliche Oberflächenstruktur zu erzielen. In der Rotgoldversion der L-evolution R ist diese Oberfläche mit Gold, in der Weißgoldversion mit Rhodium beschichtet. In beiden Fällen harmoniert die Farbpalette des Werks mit der Farbe der Goldelemente des Gehäuses.

Karbon- oder Kohlenstofffaser spielt eine wichtige Rolle im Erscheinungsbild dieses jüngsten Mitglieds der Kollektion L-evolution. Das Gehäusedesign der L-evolution ermöglicht Materialkombinationen, da die Anstöße und der Boden ein von den anderen Gehäuseteilen deutlich unterscheidbares Element bilden. Dies erlaubt eine gestalterische Freiheit, wie sie in herkömmlichen Gehäusedesigns nicht zur Verfügung steht. Bei der L-evolution R nutzt Blancpain diesen Vorteil, indem die Anstöße sowie die Flanken und der Boden des Gehäuses entweder aus Rot- oder aus Weißgold bestehen, während die Lünette aus Karbonfaser gefertigt ist. Die üblichen industriellen Kohlenfaserstoff-Elemente sind zwar leicht, aber meist eher derb, grobkörnig und zerbrechlich. Bei der von Blancpain in einem internen Verfahren hergestellten Karbonfaser sind diese Nachteile beseitigt, ist sie doch sowohl fein und glatt als auch robust. Neben der Lünette findet sie sich denn auch auf dem Zifferblatt und in Bandeinlagen wieder.

Mit einem Stil, der wie ein Echo auf die aus Anlass der Super-Trofeo-Autorennmeisterschaft erschienenen Modelle wirkt, sorgt die L-evolution R für einen neuen uhrmacherischen Spitzenlevel im Bereich der Sportchronographen.

L-EVOLUTION R Die Komplikation des Schleppzeigers hält Einzug in einer Sportuhr

Kapitel 05

DIE DREIFACHE STABÜBERGABE

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