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Anne-Sophie PIC Im Französischen nennt man die Stabübergabe von einem Küchenchef zum andern TRANSMISSION. Im Fall von Anne-Sophie war sie besonders herausfordernd.  Anne-Sophies RÜCKEROBERUNG des dritten Michelin-Sterns DAUERTE EIN VOLLES JAHRZEHNT. Anne-Sophies Kreationen verraten eine außergewöhnliche LIEBE ZUM DETAIL.  Exotische Gewürze spielen im Repertoire von Anne-Sophie Pic eine bedeutende Rolle. Das zeigte sich besonders deutlich beim Bœuf du Val d’Hérens, mariné à la baie des Minorités, tequila et tagette, jeunes poireaux et courgette. Ihr traditionell gebratenes Rindfleisch wurde zuerst in mexikanischer Gewürz-Tagetes und geografisch passend in Tequila mariniert. Obwohl das keine mexikanische Fusionsküche war, verliehen die beiden Marinadekomponenten dem kräftigen Fleisch dieser Walliser Rinderrasse einen überraschenden Aspekt.   Die Kreativität der Köchin kommt bei den Desserts ebenfalls zum Ausdruck, selbst wenn sie bloß als Millefeuilles (Cremeschnitten) bezeichnet sind. Üblicherweise besteht ein Millefeuille aus Blätterteigschichten mit zwei oder drei Lagen Füllung. Bei Pic bleibt Le mille-feuille blanc, crème légère à la vanille de Tahiti, fine gelée au jasmin, émulsion au poivre Voatsiperifery der traditionellen Schichtkonstruktion treu, ansonsten aber ist dieses Gebäck in jeder Hinsicht neuartig. Anne-Sophie konzipiert das Mille­feuille als weißen Würfel. Sein monochromes Äußeres enthält eine Joghurtcreme, Jasmingelee und mit Pfeffer gewürzten Milchschaum. Den Blätterteig stellt sie mit einem Minimum an Butter her, und der Aufbau des Kubus besteht aus mit Zitrone gewürzten dünnen Meringuelagen.  Während das klassische Konzept des Millefeuille hier gründlich modernisiert wurde, ist das zweite Dessert, Chocolat créé par Valrhona pour Anne-Sophie Pic comme un nid d’abeille, panna cotta au miel amer de Corse, crémeux et ganache au thé Hojicha Cubèbe eine völlig neue Kreation. Die bekannte und weltweit geschätzte Valrhona-Schokolade ist ein lokales Produkt aus dem weniger als 20 Kilometer entfernten Tournon nördlich von Valence. Die Schokolade wird zu einer flachen Bienenwabe geformt, deren Mulden abwechslungsweise mit Panna cotta und bitterem Honig aus Korsika, dunkler Schokolade, Schokoladen-Ganache und Karamell mit geröstetem japanischem Grüntee gefüllt sind.  Anne-Sophies Leistung, ihr Restaurant ohne jahrelange Ausbildung und Lehrzeit an die Spitze der französischen Gastroszene zurückzubringen, ist überaus bemerkenswert, nicht zuletzt, weil sie während dieser Zeit auch noch Mutter wurde. Ihren Gästen ist es vielleicht weniger wichtig, wie sie ihr Ziel ungeachtet aller Hindernisse erreicht hat, ihre außergewöhnliche Kreativität und Detailversessenheit beweist sie jedoch bei jedem Gericht. 

Kapitel 6

Anne-Sophie Pic

Der Aufstieg in die Liga der Spitzenrestaurants mit drei Michelin-Sternen unter Anne-Sophie Pic zeugt von Mut und großer Durchsetzungskraft.

Autoren der Kapitel

JEFFREY S. KINGSTON

Autoren der Kapitel

JEFFREY S. KINGSTON
Anne-Sophie Pic
Anne-Sophie Pic
Ausgabe 20 Kapitel 6

Julia Child, die während ihrer jahrzehntelangen Karriere überaus beliebte und international bekannte US-amerikanische Koch-Ikone, sprach oft von der Notwendigkeit, in der Küche Mut zu beweisen. Sie arbeitete auch als Fernsehköchin, und zwar nicht selten in Live-Sendungen. Wenn dabei gelegentlich etwas schief lief, rügte sie sich oft lachend selbst, sie habe eben nicht den Mut gehabt, nach ihren Überzeugungen zu kochen. Julia Childs Erkennt­nis, dass Mut eine wesentliche Voraussetzung für große Leistungen beim Kochen ist, wird durch die Geschichte von Anne-Sophie Pics Aufstieg in die Spitzenliga der französischen Küche bestätigt. Denn diese Eigenschaft hat sie in ihrer ganzen Karriere bewiesen.

Ihr Flagship-Restaurant in Valence ist seit Generationen im Besitz ihrer Familie, drei Mitglieder  wurden mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Dabei geht leicht vergessen, dass hinter diesen beeindruckenden Auszeichnungen von Generation zu Generation Dramen des Aufstiegs und Falls sowie der Nachfolge an der Spitze des Restaurants stehen.

Die Geschichte beginnt damit, dass Anne-Sophies Urgroßmutter 1889 in den Hügeln über St-Péray in der Ardèche die Auberge du Pin eröffnet. 1934 verlegt ihr Sohn André (1893–1984), der Großvater von Anne-Sophie, das Restaurant nach Valence in die Avenue Victor-Hugo, unweit der Route nationale 7, der Route du Soleil,  die von Paris ans Mittelmeer führt. Heute kann die Reise in den Süden kaum mehr als großes Abenteuer bezeichnet werden, abgesehen von jenen Tagen zu Beginn und Ende der Sommer­ferien, die orange oder rot signalisiert sind, weil sich die Staus (bouchons) häufen. Doch vor dem Bau der Autobahnen war die Reise über die Route nationale so anstrengend, dass gastronomische Zwischenhalte bei der mehrtägigen Reise die Norm waren. Dank seiner strategischen Lage in Valence, südlich von Lyon, wurde André Pics Restaurant nach den nördlicher gelegenen Häusern von Alexandre Dumaine in Saulieu und Fernand Point in Vienne zu einem der bekanntesten Relais an dieser legendären Strecke. Im Eröffnungsjahr am neuen Standort wurde Andrés Küche erstmals mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. In der Folge forderte der Zweite Weltkrieg seinen Tribut: Da es schwierig war, Tag für Tag die nötige Perfektion zu liefern, ging 1946 ein erster, 1950 ein zweiter Stern verloren. Andrés Sohn Jacques, der eigentlich lieber Automechaniker als Koch geworden wäre, beschloss, die Reputation des Restaurants wiederherzustellen: 1959 holte er den zweiten, 1973 den begehrten dritten Stern zurück. 

 Anne-Sophie en famille mit ihren Eltern.

Anne-Sophie en famille mit ihren Eltern.

 André Pic, ihr Großvater.

André Pic, ihr Großvater.

Anne-Sophie Pic

Im Französischen nennt man die Stabübergabe von einem Küchenchef zum andern TRANSMISSION. Im Fall von Anne-Sophie war sie besonders herausfordernd. 

Anne-Sophie wuchs in einer streng auf Spitzengas­tronomie konzentrierten Welt auf. Handelsübliche Süßigkeiten wie Bonbons und Kekse waren tabu, ja überhaupt alles industriell Produzierte. Dafür aß die Familie zu Hause stets hervorragend, weil Vater Jacques sich dafür gerne in der Vorratskammer des Restaurants bediente: mit Köstlichkeiten wie Foie gras, Trüffel, Kaviar und anderen luxuriösen Gaumenfreuden. Dennoch sah Anne-Sophie ihre berufliche Zukunft nicht im Restaurant. Ganz im Gegenteil. Im Familientrakt des Hotelrestaurants aufgewachsen, in dem sich heute der Feinkostladen befindet, empfand sie dieses Leben als zu anstrengend und bedrückend. Sie interessierte sich eher für eine kaufmännische Tätigkeit. Deshalb entschied sie sich für ein Betriebswirtschafts- und Managementstudium am Institut Supérieur de Gestion (ISG) in Paris, gefolgt von Praktika in Japan und den Vereinigten Staaten. In dieser Zeit fern von Valence begann Anne-Sophie wirklich zu verstehen, was sie liebte und was sie tun wollte. Sie kehrte zurück, um an der Seite ihres Vaters zu kochen. Doch bereits drei Monate später starb Jacques an einem Herzinfarkt. Jetzt mussten Anne- Sophie und ihr Bruder die Zügel in die Hand nehmen. Angesichts ihres beruflichen Hintergrunds entschied sie sich für die Geschäftsleitung, während Alain das Zepter in der Küche übernahm. Nach drei Jahren war der entscheidende dritte Stern verloren. Dies bewog Anne-Sophie, die Rollen zu wechseln und das Kommando in der Küche zu übernehmen, um ihn zurückzugewinnen.

Im Französischen nennt man die Stabübergabe von einem Küchenchef zum andern transmission. Normalerweise wird dieser Wechsel in einem Familienbetrieb von langer Hand geplant und von sorgfältiger Aus- und Weiterbildung begleitet, um den reibungslosen Übergang sicherzustellen. Selbst unter diesen Bedingungen bedeutet ein Wechsel immer Stress, da Gastrokritiker wie Kunden dann gern nach dem kleinsten Fehler oder der geringsten Qualitätsminderung fahnden. Da die Transmission sogar bei bester Planung schwierig ist, kann man sich vorstellen, was Anne-Sophie erwartete. Sie hatte ja weder Köchin in einem andern Restaurant gelernt, noch war sie von berühmten Köchen geschult worden und hatte erst drei Monate an der Seite ihres Vaters am Herd gestanden. Nur dank großem Selbstvertrauen und fester Entschlossenheit konnte sie die Herausforderungen bewältigen, als sie die Verantwortung übernahm. Julia Childs Ermahnung, in der Küche mutig zu sein, wirkt im Vergleich zu den Hindernissen, mit denen Anne-Sophie konfrontiert war, blass und unangemessen.

Anne-Sophies RÜCKEROBERUNG des dritten Michelin-Sterns DAUERTE EIN VOLLES JAHRZEHNT.

Trotzdem war Anne-Sophie natürlich klar, was Qualitätsküche ist. Während ihrer Jugendjahre im Restaurant ihres Vaters hatte sie gelernt, die Elemente einer großen Gourmetküche auf Drei-Sterne-Niveau zu erkennen. Außerdem stand ihr von Anfang an ein erfahrenes Team zur Seite, und sie erwähnt auch oft, wie wichtig diese Unterstützung war und ist. Da ihr Vater zudem enge Beziehungen mit anderen Stars der französischen Gastroszene pflegte, verfügte sie auch über ein Netzwerk, das sie um Unterstützung bitten konnte. Spitzenkoch Marc Haeberlin von der legendären Auberge de l’Ill im Elsass erinnert sich gern an die Telefongespräche mit Anne-Sophie und die Ratschläge, die er ihr in dieser Anfangszeit gab. 

Trotzdem dauerte es rund zehn Jahre, bis ihre Anstrengungen 2007 wieder mit dem dritten Michelin-Stern belohnt wurden, den sie bis heute unangefochten verteidigt. 

Das heißt nicht, dass Anne-Sophie in diesen zehn Jahren nur versucht hätte, ganz wie ihr Vater zu kochen. So wie schon er das von der Zubereitung zahlreicher Gerichte am Tisch und großen Portionen geprägte Repertoire seines Vaters André weiterentwickelt hatte und modernere Menüs mit zahlreichen Gängen in kleineren, in der Küche angerichteten Portionen servierte, passte auch sie sich ihrer Zeit an. Obwohl nach wie vor einige von Jacques Pics Klassikern auf der Karte zu finden sind, etwa sein sublimer Bar de ligne au caviar oder der Gratin d’écrevisses, der sogar an die Ära von André Pic erinnert, hat sie die Konzeption des Menüs gründlich revolutioniert. Ihr Vater und Großvater schworen auf die klassische französische Küche mit Butter und Rahmsaucen. Selbstverständlich haben Saucen entscheidend zum Ruhm dieser Küche beigetragen, doch dem allgemeinen Trend der modernen Küche entsprechend sucht Anne-Sophie die Intensität der Aromen ohne den Einsatz von viel Butter und Sahne herauszuarbeiten. Sie betrachtet ihren Ansatz als feminin, will aber mit diesem Adjektiv die Küche ihrer ebenfalls leichter kochenden männlichen Kollegen keinesfalls ausschließen. Eine Alternative könnte „zeitgenössisch“ sein. In jedem Fall strebt sie stets nach Leichtigkeit ohne Geschmacksverlust.

Außerdem sind ihre Interpretationen zum Teil auch von ihrer Zeit in Japan geprägt. Ein schier allgegenwärtiges Element der japanischen Küche ist Dashi, eine würzige Sauce auf der Basis von Kombu (fermentiertem Seetang) und getrocknetem Bonito-Thunfisch. Wie die Avantgarde-Köche in Japan kombiniert sie ein klassisches Dashi mit anderen Geschmackskomponenten. Ihr Stil tendiert damit zur modernen japanischen Küche, die mit der Ergänzung durch andere Aromen von der traditionellen Zubereitung mit dominierendem Dashi abweicht. Anne-Sophie benutzt das Dashi für Hintergrund-Geschmacksnoten, während die übrigen Zutaten den Hauptpart spielen. Einer ihrer Signature Dishes ist dafür ein perfektes Beispiel: Le homard bleu rôti au feu de bois, dashi aux fruits rouges, légèrement fumé, chutney de fraises à l’épine­-vinette, betterave plurielle. Der geröstete Hummer, vom Holzfeuer subtil geräuchert, wird gepaart mit einem süß-pikanten Erdbeer- und Himbeer-Dashi. Die Süße des Hummers wird durch das Erdbeer-Berberitzen-Chutney verstärkt und mit Säure sowie dem dezenten Umami des Dashi ausbalanciert, während die leichte Rauchnote dem Gericht Tiefe verleiht. 

 Le homard bleu rôti au feu de bois, dashi aux fruits rouges. Folgende Doppelseite: Der Restaurantgarten in Valence.

Le homard bleu rôti au feu de bois, dashi aux fruits rouges. Folgende Doppelseite: Der Restaurantgarten in Valence.

Anne-Sophie Pic

Sie und ihr Ehemann David Sinapian, der für alles Kaufmännische außerhalb der Restaurants verantwortlich ist, haben ihr Reich nun erweitert. Valence bleibt selbstverständlich der Schwerpunkt, doch sie haben zusätzlich Restaurants in Lausanne, Paris, London und Singapur eröffnet. 

Im Hotelrestaurant in Valence erinnert nichts mehr daran, dass die Familie es einst in einem Ensemble ehemaliger Antiquitätenläden eingerichtet hatte. Anne-Sophie und David haben seine Ambiance vollständig verändert, mit einem Speisesaal in modernem Design und mit Blick auf den Garten durch raumhohe Fenstertüren, was diesen in schönster japanischer Tradition visuell in den Raum integriert. Japan ist auch mit einer großen Kirschblüten-Seidenmalerei an der gegenüberliegenden Wand präsent. Auf der Tafel brilliert hingegen Frankreich bei jedem Gedeck mit imposanten tulpenförmigen Baccarat-Kristallgläsern.
 
Wenn es das Wetter erlaubt, ist der Auftakt der Mahlzeit im Garten ein besonderes Vergnügen. Farne, Bambus, kleine Teiche, ein Wasserfall und Brücken flankieren intime Oasen für den Aperitif, bei dem man das Menü und die Weinkarte studieren kann, wobei auch eine ganze Armada von Amuse-bouches Aufmerksamkeit verlangt. Besonders faszinierend waren die an Miniatur-Limonen erinnernden Häppchen. Der Bissen scheint im Mund zu explodieren und setzt dabei wahre Kaskaden von Yuzu-, Anis- und Kaffeenoten frei. Zur Ära ihres Großvaters gehörte das theatralische Spektakel der Endzubereitung verschiedener Gerichte auf dem Wagen am Tisch. Eine zeitgemäßere Inszenierung begann bei unserem kürzlichen Besuch mit Le tourteau de casier, assaisonné à l’huile de sobacha torréfié, petites fleurs du jardin, crème glacée à l’estragon et au géranium rosat. Es gab viel mehr als einen delikaten Taschenkrebs mit Estragon-Sorbet, denn dazu wurde ein dramatisch am Tisch gemixter Cocktail aus Estragon, Chartreuse, Sake, Zitrussirup und Seedlip (ein alkoholfreier Drink aus Erbsen und Rosmarin) gereicht. Dabei wurde der Cocktail im Stil von James Bond geschüttelt, nicht gerührt. Cocktail und Krebs wollen zusammen genossen werden, da sie sich ergänzen. 

La tomate plurielle, eine Komposition von gut gereiften süßen Kirschtomaten in verschiedenen Farben mit einer Brühe aus Salbei, Safran und Minze, beweist nicht nur Anne-Sophies Vorliebe für Leichtes, sondern auch ihr Talent, den Fokus auf eine einzige Zutat zu konzentrieren. Die gehäuteten, mit Olivenöl und Minze gefüllten Tomätchen entfalteten im Mund vielfältige Aromen, zu denen die feine Brühe einen interessanten Kontrapunkt bot.

 La tomate plurielle. 

La tomate plurielle. 

 Les berlingots au chèvre. 

Les berlingots au chèvre. 

Anne-Sophies Kreationen verraten eine außergewöhnliche LIEBE ZUM DETAIL. 

Zu den Spezialitäten von Anne-Sophie gehören die Berlingots. Ein Italiener könnte sie als pyramidenförmige Ravioli beschreiben. Je nach Lokal variiert die Komposition dieses Gerichts erheblich. In Valence ist die Pasta grün, der traditionellen Mehl-Ei-Mischung werden Comté-Käse und Petersilie beigefügt. Die Füllung besteht aus Banon-Ziegenkäse, Brunnenkresse und einem Hauch Ingwer. Die drei Pyramiden waren von einer schaumigen, mit grünem Matcha-Tee gewürzten Brunnenkressesauce umrahmt. Anders als viele Köche in Frankreich, die dazu neigen, Pasta zu lange zu kochen, wurde diese perfekt al dente serviert und hätte dem anspruchsvollsten italienischen Gaumen gefallen. Interessanterweise ist in Lausanne die Zusammensetzung der ebenfalls pyramidenförmigen Berlingots ganz anders. Zu dieser Region passend steckt im weißen Teig eine Mischung von Freiburger Vacherin und Gruyère, gewürzt mit Weißwein und Kirsch; sie entspricht dem klassischen Schweizer Fondue „moité-moitié“ (halb-halb). Die Berlingots werden von gerösteten Steinpilzen umrahmt. Natürlich brauchte es einen Trick, um das Fondue in die Pasta einzupacken. War die Füllung fest, bevor sie beigefügt wurde? Falls ja, hätte der schmelzende Käse den Teig doch verkocht. Wenn sie flüssig war, fragt man sich, wie sie in der Pasta geblieben ist? Die Lösung ist raffiniert: Die Füllung wird gekocht und abgekühlt, so dass sie weich, aber nicht zu flüssig ist. 

Anne-Sophies Liebe zum Detail kommt brillant zum Zug bei ihrer Langoustine marinée au miel de trèfles, sauge, fleurs de fenouil, verveine et criste marine, haricots fins verts et beurre. Bei der Wahl von Kaltwasser-Langustinen aus Schottland geht sie höchst selektiv vor, um ein Maximum an Geschmack und Textur sicherzustellen. Doch damit nicht genug: Sie besteht darauf, dass die Krebstiere lebendig nach Valence transportiert werden und sich anschließend mehrere Tage in einem speziellen Tank vom Reisestress erholen können. Das süß-salzige Langustinenfleisch bildet mit der Sauce aus Kleeblütenhonig, Salbei, Fenchel­blüten und Eisenkraut eine bezaubernde Synthese von Geschmacksnoten. Der Saucenfond ist ein klassischer, mit einem Hauch Dashi verfeinerter Muschelfond. 

Le bar de ligne au caviar osciètre spielt in der Geschichte des Restaurants eine wichtige Rolle. Dieses von ihrem Vater 1971 kreierte Gericht trug zwei Jahre später entscheidend zur Verleihung des dritten Sterns bei. Der fangfrische Wolfsbarsch wird im Dampf glasig gegart und großzügig mit Kaviar aus Aquitanien getoppt. Zu diesem exklusiven Kaviar passend ist die Buttersauce mit Champagner des Hauses Salon montiert. Dieses Rezept, eine Delikatesse mit großer geschmacklicher Tiefe, ist ein glorioser Tribut an die klassische französische Küche. 

Exotische Gewürze spielen im Repertoire von Anne-Sophie Pic eine bedeutende Rolle. Das zeigte sich besonders deutlich beim Bœuf du Val d’Hérens, mariné à la baie des Minorités, tequila et tagette, jeunes poireaux et courgette. Ihr traditionell gebratenes Rindfleisch wurde zuerst in mexikanischer Gewürz-Tagetes und geografisch passend in Tequila mariniert. Obwohl das keine mexikanische Fusionsküche war, verliehen die beiden Marinadekomponenten dem kräftigen Fleisch dieser Walliser Rinderrasse einen überraschenden Aspekt.   Die Kreativität der Köchin kommt bei den Desserts ebenfalls zum Ausdruck, selbst wenn sie bloß als Millefeuilles (Cremeschnitten) bezeichnet sind. Üblicherweise besteht ein Millefeuille aus Blätterteigschichten mit zwei oder drei Lagen Füllung. Bei Pic bleibt Le mille-feuille blanc, crème légère à la vanille de Tahiti, fine gelée au jasmin, émulsion au poivre Voatsiperifery der traditionellen Schichtkonstruktion treu, ansonsten aber ist dieses Gebäck in jeder Hinsicht neuartig. Anne-Sophie konzipiert das Mille­feuille als weißen Würfel. Sein monochromes Äußeres enthält eine Joghurtcreme, Jasmingelee und mit Pfeffer gewürzten Milchschaum. Den Blätterteig stellt sie mit einem Minimum an Butter her, und der Aufbau des Kubus besteht aus mit Zitrone gewürzten dünnen Meringuelagen.  Während das klassische Konzept des Millefeuille hier gründlich modernisiert wurde, ist das zweite Dessert, Chocolat créé par Valrhona pour Anne-Sophie Pic comme un nid d’abeille, panna cotta au miel amer de Corse, crémeux et ganache au thé Hojicha Cubèbe eine völlig neue Kreation. Die bekannte und weltweit geschätzte Valrhona-Schokolade ist ein lokales Produkt aus dem weniger als 20 Kilometer entfernten Tournon nördlich von Valence. Die Schokolade wird zu einer flachen Bienenwabe geformt, deren Mulden abwechslungsweise mit Panna cotta und bitterem Honig aus Korsika, dunkler Schokolade, Schokoladen-Ganache und Karamell mit geröstetem japanischem Grüntee gefüllt sind.  Anne-Sophies Leistung, ihr Restaurant ohne jahrelange Ausbildung und Lehrzeit an die Spitze der französischen Gastroszene zurückzubringen, ist überaus bemerkenswert, nicht zuletzt, weil sie während dieser Zeit auch noch Mutter wurde. Ihren Gästen ist es vielleicht weniger wichtig, wie sie ihr Ziel ungeachtet aller Hindernisse erreicht hat, ihre außergewöhnliche Kreativität und Detailversessenheit beweist sie jedoch bei jedem Gericht. 

Oben: Le Chocolat créé par Valrhona pour Anne-Sophie Pic comme un nid d’abeille, panna cotta au miel amer de Corse, crémeux et ganache au thé Hojicha Cubèbe. Oben: Le Chocolat créé par Valrhona pour Anne-Sophie Pic comme un nid d’abeille, panna cotta au miel amer de Corse, crémeux et ganache au thé Hojicha Cubèbe. 

 Le mille-feuille blanc, crème légère à la vanille de Tahiti, fine gelée au jasmin, émulsion au poivre Voatsiperifery. 

Le mille-feuille blanc, crème légère à la vanille de Tahiti, fine gelée au jasmin, émulsion au poivre Voatsiperifery. 

Kapitel 07

Villeret Ultraplate

Die Prüfsteine der neuen Villeret Ultraplate sind Understatement und Verfeinerung.

Autoren der Kapitel

JEFFREY S. KINGSTON
Villeret Ultraplate
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